Der bvse informiert den Mittelstand über Abfall, Sekundärrohstoffe, Recycling und Entsorgung.

Sie sind hier:

Die europäische Recyclingwirtschaft begrüßt die Entscheidung der Europäischen Kommission, die geplanten Handelsmaßnahmen zur Beschränkung der Ausfuhr von recyceltem Aluminium beziehungsweise Aluminiumschrott vorerst nicht weiterzuverfolgen.

Recycling Europe wertet die Entscheidung als wichtiges Signal für eine faktenbasierte Rohstoff- und Industriepolitik und fordert nun einen konstruktiven Dialog darüber, wie die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten europäischen Aluminium-Wertschöpfungskette gestärkt werden kann.

Aus Sicht des europäischen Recyclingverbandes hat die Kommission damit den veränderten regulatorischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Rechnung getragen. Insbesondere die neue EU-Abfallverbringungsverordnung wird die Voraussetzungen für Abfallexporte ab 2027 erheblich verändern. Dazu gehören neue Audit-Anforderungen sowie Beschränkungen für Exporte in Nicht-OECD-Staaten. Gleichzeitig sollen neue KN-Codes für Aluminiumschrott künftig eine genauere Erfassung und Bewertung der tatsächlichen Handelsströme ermöglichen.

Weitere Eingriffe in den Markt vorzunehmen, bevor die Auswirkungen dieser Veränderungen beurteilt werden können, wäre nach Auffassung von Recycling Europe verfrüht gewesen.

Rund 80 Prozent bleiben bereits in Europa

Die europäische Recyclingwirtschaft produziert jährlich rund 6,2 Millionen Tonnen recyceltes Aluminium. Etwa 80 Prozent dieser Menge werden bereits innerhalb Europas abgesetzt und verarbeitet. Die verbleibenden Mengen werden exportiert, weil dafür derzeit keine ausreichende Nachfrage auf dem europäischen Markt besteht.

Genau hier setzte die Kritik der Recyclingwirtschaft an den erwogenen Exportbeschränkungen an: Ein eingeschränkter Zugang zu internationalen Märkten schafft nicht automatisch zusätzliche Nachfrage in Europa. Vielmehr droht bei fehlenden Absatzmöglichkeiten ein Wertverlust der Recyclingrohstoffe. Dies könnte Investitionen erschweren und letztlich die europäischen Recyclingkapazitäten schwächen.

Julia Ettinger, Generalsekretärin von Recycling Europe, warnt deshalb davor, die Probleme der europäischen Aluminiumindustrie zulasten der Recyclingwirtschaft lösen zu wollen:

„Europa kann seine strategische Autonomie nicht stärken, indem es seine Recyclingindustrie schwächt. Recycling verschafft Europa Zugang zu Rohstoffen, die sich bereits in unserer eigenen Wirtschaft befinden, und verringert damit die Abhängigkeit von Primärrohstoffen und externen Lieferquellen. Exportbeschränkungen lösen weder die hohen Energie- und Arbeitskosten noch die regulatorischen Belastungen oder die schwache Nachfrage, mit denen die europäische Aluminiumindustrie konfrontiert ist. Sie würden das Problem lediglich von einem Teil der europäischen industriellen Wertschöpfungskette auf einen anderen verlagern.“

Sebastian Will: Professionelle Interessenvertretung zahlt sich aus

Auch Sebastian Will, Schatzmeister von bvse-Recycling Germany, stellvertretender Vorsitzender des bvse-Fachverbandes Schrott, E-Schrott und Kfz-Recycling sowie seit vielen Jahren in der Interessenvertretung auf deutscher und europäischer Ebene aktiv, bewertet die Entscheidung der EU-Kommission als wichtigen Erfolg für die Recyclingwirtschaft.

„Es ist beruhigend und schön zugleich zu sehen, dass man im Kampf mit offenem Visier und als Underdog innerhalb eines regel- und faktenbasierten Systems eine ehrliche Chance hat“, erklärt Will.

Die Entscheidung zeige zugleich, welchen Stellenwert eine kontinuierliche und professionelle Verbandsarbeit auf nationaler und europäischer Ebene habe. Dabei gehe es nicht allein um finanzielle Ressourcen, sondern insbesondere um das Engagement der Unternehmen und ihrer Mitarbeiter.

„Die Bedeutung einer professionellen Interessenvertretung sollte jedem Branchenmitglied klar sein. Und diese gibt es nicht zum Nulltarif. Damit meine ich ausdrücklich nicht nur die finanziellen Kosten. Unternehmen stellen Mitarbeiter für die Verbandsarbeit frei, übernehmen Kosten und teilen vertraulich wichtige Informationen aus der betrieblichen Praxis. Genau davon lebt eine starke Interessenvertretung. Verbandsarbeit ist wichtig – im Hauptamt ebenso wie im Ehrenamt.“

Gerade bei komplexen europäischen Gesetzgebungs- und Entscheidungsprozessen sei es entscheidend, dass die Recyclingwirtschaft ihre Markterfahrungen, Daten und Argumente frühzeitig und geschlossen in die politische Diskussion einbringe.

Kurskorrektur löst die Probleme der Aluminiumindustrie nicht

Recycling Europe sieht die Entscheidung der Kommission allerdings nicht als Abschluss der Debatte. Der Verzicht auf zusätzliche Exportbeschränkungen beseitigt die strukturellen Probleme der europäischen Aluminiumindustrie nicht. Hohe Energie- und Arbeitskosten, regulatorische Belastungen und eine zu schwache Nachfrage nach recycelten Rohstoffen bleiben zentrale Herausforderungen.

Nach Auffassung des Verbandes muss die Diskussion deshalb künftig stärker darauf ausgerichtet werden, die Wettbewerbsfähigkeit sowohl der Recyclingwirtschaft als auch der aluminiumverarbeitenden Industrie zu verbessern. Maßnahmen, die lediglich einen Teil der Wertschöpfungskette zulasten eines anderen schützen, seien dafür nicht geeignet.

Recycling Europe fordert deshalb, mögliche weitere Maßnahmen erst auf Grundlage belastbarer Erkenntnisse zu prüfen. Dazu sollen insbesondere die Auswirkungen der neuen Abfallverbringungsverordnung, die durch die neuen KN-Codes verbesserte Datenlage zu den Handelsströmen sowie die tatsächliche Entwicklung von Angebot und Nachfrage auf dem europäischen Aluminiummarkt herangezogen werden.

Für Julia Ettinger ist die entscheidende Frage, wie Europa Recycling und industrielle Produktion gemeinsam stärken kann:

„Eine widerstandsfähige europäische Aluminium-Wertschöpfungskette braucht eine wettbewerbsfähige Recyclingwirtschaft und eine wettbewerbsfähige Industrie. Die europäische Politik muss beides stärken.“

Die Entscheidung der EU-Kommission eröffnet aus Sicht von Recycling Europe nun die Chance, die Diskussion neu auszurichten: weg von kurzfristigen Eingriffen in funktionierende Absatzmärkte und hin zu den eigentlichen Ursachen der Wettbewerbsprobleme. Die europäische Recyclingwirtschaft sieht sich dabei ausdrücklich als Partner und will sich weiterhin aktiv in die Entwicklung tragfähiger Lösungen für die gesamte Aluminium-Wertschöpfungskette einbringen.

Seitennavigation

Mitglied werden Presse top

Wir benutzen lediglich technisch notwendige Sessioncookies, die das einwandfreie Funktionieren der Internetseite gewährleisten und die keine personenbezogenen Daten enthalten.