Wo einst Flugzeuge starteten und landeten, entsteht heute ein Zukunftsort: Auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel wächst mit Berlin TXL – Urban Tech Republic eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas.
Auf rund 500 Hektar sollen ein Forschungs- und Industriepark sowie ein neues Wohnviertel entstehen. Doch das Projekt will nicht nur groß, sondern auch nachhaltig sein – und setzt dabei auf zirkuläres Bauen.
Was bleibt, wird neu gedacht
Statt Abrissbirne und Container rückt in Tegel eine andere Frage in den Mittelpunkt: Was kann weiterverwendet werden? In Gebäuden wie Terminal D oder dem Parkhaus P2 stecken enorme Mengen an Beton, Stahl, Glas und technischen Bauteilen. Diese Materialien werden systematisch erfasst, ökologisch bewertet und – wenn möglich – direkt vor Ort wieder eingesetzt.
Die Idee dahinter ist einfach: Bauteile sollen möglichst lange im Kreislauf bleiben. Was bereits produziert wurde, soll nicht zu Abfall werden, sondern als Ressource dienen. Gerade bei einem Projekt dieser Größenordnung zeigt sich, ob Kreislaufwirtschaft mehr sein kann als ein Schlagwort.
Stefan Schmidmeyer, Geschäftsführer des bvse-Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung, ordnet den Ansatz so ein:
„Wiederverwendung steht in der Abfallhierarchie ganz oben, deshalb ist diese Herangehensweise bei einem solchen Großprojekt zu begrüßen. In Praxis zeigen sich nämlich regelmäßig erhebliche Umsetzungsprobleme. Das betrifft den Faktor Zeit, die Zwischenlagerung von Bauteilen genauso wie die Frage, ob eine bautechnische Eignung von alten Bauteilen nach dem heutigen Stand der Technik gegeben ist.“
Seine Einschätzung macht deutlich: Der Anspruch ist hoch – und die Umsetzung komplex.
Planung statt Zufall
Damit Wiederverwendung funktioniert, braucht es Struktur. Vor dem Rückbau werden Gebäude digital analysiert. In sogenannten „Pre-Deconstruction Audits“ wird dokumentiert, welche Bauteile vorhanden sind, in welchem Zustand sie sich befinden und welches Potenzial sie für eine erneute Nutzung haben. Auch CO₂-Werte werden ermittelt, um ökologische Effekte messbar zu machen.
Eine besondere Rolle spielt dabei die digitale Erfassung. Materialien, Mengen und Umweltwirkungen werden systematisch dokumentiert. So sollen Planerinnen und Planer schon in frühen Entwurfsphasen wissen, welche vorhandenen Bauteile in neue Gebäude integriert werden können. Ziel ist es, ökologische und wirtschaftliche Entscheidungen transparent und nachvollziehbar zu machen.
Gleichzeitig müssen zahlreiche Anforderungen berücksichtigt werden: Denkmalschutz, Schadstoffmanagement, öffentliches Baurecht. Hinzu kommen praktische Fragen wie Lagerflächen für ausgebautes Material oder Logistiklösungen für Transport und Aufbereitung. Konzepte wie sogenannte „Urban Mining Hubs“ – also zentrale Orte zur Zwischenlagerung und Weiterverarbeitung von Bauteilen – sind Teil dieser Überlegungen.
Ein Testfall für die Bauwirtschaft
Berlin TXL gilt als Blaupause für eine Bauwirtschaft im Wandel. Denn hier greifen Rückbau und Neubau direkt ineinander. Was aus dem Bestand gewonnen wird, soll möglichst unmittelbar wieder eingesetzt werden. Das spart Ressourcen, reduziert Emissionen und kann – wenn es gut organisiert ist – auch wirtschaftlich tragfähig sein.
Ob das Modell Schule macht, wird sich zeigen. Klar ist jedoch: In Tegel wird unter realen Bedingungen erprobt, wie zirkuläres Bauen im industriellen Maßstab funktionieren kann. Zwischen alten Rollbahnen und neuen Forschungslaboren entsteht damit nicht nur ein Innovationsstandort, sondern auch ein Experimentierfeld für die Frage, wie Städte künftig mit ihren eigenen Rohstoffen umgehen.