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Schrott gilt als unverzichtbarer Rohstoff für die Dekarbonisierung der Stahlindustrie. Dennoch stagniert die Nachfrage in Europa. Sinkende Stahlproduktion, hohe Energiekosten und zunehmende Regulierung setzen die Branche unter Druck.

sebastian will bvseIn einem Interview mit GMK Center, einem in der Ukraine ansässiges Beratungsunternehmen mit Schwerpunkt auf dem europäischen Stahlmarkt, zeichnet Sebastian Will, Mitglied im geschäftsführenden bvse-Präsidium und stellvertretender Vorsitzender des Fachverbandes Schrott, E-Schrott und Kfz-Recycling, ein differenziertes Bild der aktuellen Lage – und übt deutliche Kritik an Politik und Regulierung. Wir fassen dieses Interview in folgendem Artikel zusammen.

Die europäische Stahlindustrie befindet sich in einer tiefgreifenden Transformation. Klimaneutralität, Elektrifizierung und neue Produktionsverfahren bestimmen die Debatte. Gleichzeitig kämpft die Branche mit einer schwachen Konjunktur, hohen Standortkosten und zunehmendem internationalen Wettbewerbsdruck. Die Auswirkungen sind auch auf dem Schrottmarkt deutlich spürbar.

Die deutsche Stahlproduktion erreichte 2025 mit 34,1 Millionen Tonnen den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung – ausgenommen das Krisenjahr 2009. Europaweit sank die Rohstahlproduktion auf nur noch 125,9 Millionen Tonnen. Entsprechend rückläufig entwickelte sich die Nachfrage nach Schrott als wichtigstem Sekundärrohstoff für die Stahlherstellung.

„Wir beobachten seit mehreren Jahren einen nahezu kontinuierlichen Rückgang der Stahlproduktion in Europa“, sagt Sebastian Will. Für die Schrottwirtschaft bedeute dies ein zunehmend schwieriges Marktumfeld. Allein in Deutschland sei der Schrottverbrauch der Stahlwerke 2025 auf rund zwölf Millionen Tonnen zurückgegangen.

Neben der schwachen Industriekonjunktur verändert sich nach Einschätzung des BVSE auch die Struktur des Marktes. Während früher eine relativ einheitliche Nachfrageentwicklung der Stahlwerke zu beobachten gewesen sei, zeige sich heute ein deutlich heterogeneres Bild. „Die Harmonie im Verhalten der Schrottverbraucher, die früher häufig bestand, gibt es heute nicht mehr“, erklärt Will.

Die Folge sei eine zunehmende Regionalisierung des Marktes. Während einzelne Werke stabile Bedarfe aufweisen, können andere Unternehmen in unmittelbarer Nachbarschaft mit erheblichen Absatzproblemen konfrontiert sein. Für Schrottaufbereiter werde daher die Fähigkeit, flexibel und schnell auf Marktveränderungen zu reagieren, zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor.

Zusätzlich belasten steigende Energie- und Logistikkosten die Unternehmen. Hinzu kommen neue regulatorische Anforderungen wie die europäische Abfallverbringungsverordnung oder digitale Nachweispflichten, deren Umsetzung erhebliche Ressourcen bindet.

Warnung vor schleichender Deindustrialisierung

Besonders kritisch bewertet Will die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Europa. Die Diskussion über eine schleichende Deindustrialisierung sei keineswegs übertrieben. „Deindustrialisierung ist letztlich die Folge nicht wettbewerbsfähiger Standortbedingungen“, sagt er.

Hohe Energiepreise, zunehmende Bürokratie und langwierige Genehmigungsverfahren erschwerten Investitionen und führten dazu, dass Unternehmen Produktionskapazitäten verlagerten oder ganz aufgäben. Davon betroffen seien nicht nur energieintensive Industrien, sondern zunehmend auch verarbeitende Betriebe, bei denen hochwertige Schrotte anfallen.

Sebastian Will sieht zudem Defizite in der politischen Steuerung der industriellen Transformation. Während milliardenschwere Förderprogramme vor allem große Industrieunternehmen adressierten, fehlten oft marktwirtschaftliche Anreize und pragmatische Lösungen für mittelständische Unternehmen.

Schrott bleibt der effizienteste Dekarbonisierungspfad

Trotz der aktuellen Marktschwäche sieht der BVSE langfristig erhebliches Potenzial für schrottbasierte Stahlproduktion. Zwar stieg der Anteil von Elektrostahl in Deutschland zuletzt auf mehr als 30 Prozent der Gesamtproduktion. Allerdings sei dieser Anstieg auch auf die rückläufige Produktion klassischer Hochofenstandorte zurückzuführen.

Von einem eindeutigen Strukturwandel möchte Will deshalb noch nicht sprechen. Auch die vielfach diskutierte Wasserstoffwirtschaft stehe weiterhin vor erheblichen Herausforderungen.

„Die notwendige Infrastruktur ist noch längst nicht vorhanden“, betont er. Selbst bei ausreichender Verfügbarkeit des Energieträgers bleibe dessen Transport zu den Verbrauchern eine zentrale Hürde.

Unabhängig davon sieht er im Recycling von Stahlschrott den effizientesten Weg zur Emissionsminderung.

„Die schrottbasierte Stahlerzeugung ist und bleibt die umweltfreundlichste Technologie“, sagt Will. Nahezu 100 Prozent des Materials könnten wieder zu neuem Stahl verarbeitet werden – ein Musterbeispiel funktionierender Kreislaufwirtschaft.

Streit um die Definition von grünem Stahl

Kritisch blickt die Recyclingbranche auf die europäische Diskussion über die Definition von „grünem Stahl“. Insbesondere die sogenannte „Sliding-Scale“-Methode stößt auf Widerstand. Das Modell sieht vor, dass die zulässigen CO₂-Grenzwerte mit steigendem Schrottanteil sinken. Aus Sicht des BVSE führt dies zu Fehlanreizen. „Wer ausschließlich Schrott einsetzt, muss strengere Anforderungen erfüllen als Produzenten, die weiterhin Eisenerz verwenden“, kritisiert Will. Gemeinsam mit Recycling Europe setzt sich der Verband daher für alternative Bewertungsmodelle ein, die den tatsächlichen CO₂-Fußabdruck von Stahlprodukten stärker berücksichtigen und den Einsatz von Recyclingrohstoffen fördern.

Exportmärkte als Sicherheitsventil

Auch die Debatte über Schrottexporte bewertet der BVSE differenziert. Sinkende Produktionsmengen in Europa führten zwangsläufig zu Überschüssen auf dem Binnenmarkt.

„Wenn die heimische Nachfrage zurückgeht, bleibt der Export unverzichtbar, um Stoffkreisläufe aufrechtzuerhalten“, so Will.

Die Ausfuhr überschüssiger Mengen sei kein Widerspruch zur Kreislaufwirtschaft, sondern deren notwendige Voraussetzung. Freihandel und offene Märkte seien daher von zentraler Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Recyclingwirtschaft.

Trotz wachsender Nachfrage aus der Stahlindustrie erwartet der BVSE keinen Mangel an Schrott. Aktuelle Studien prognostizieren bis 2050 sogar einen weiteren Anstieg der verfügbaren Mengen. Sebastian Will zeigt sich überzeugt, dass die europäische Recyclingwirtschaft auch künftig in der Lage sein werde, den Bedarf der Industrie zu decken. Die Branche habe über Jahrzehnte bewiesen, dass sie flexibel auf technologische und wirtschaftliche Veränderungen reagieren könne.

Das Interview im Wortlaut
Sebastian Will: There is no longer any consistency in scrap consumers’ behaviour

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